Die Uetersener Tafel e.V.

Essen, wo es hingehört

Wie Tafeln im Kreis Pinneberg den Andrang meistern

13.03.2018 Hamburger Abendblatt

Quickborner Tafel: Brigitte Schulz-Mosner gibt Nummern ausBurkhard Fuchs

Bis zu 90 Prozent Ausländeranteil. Doch mit guten Konzepten vermeiden die ehrenamtlichen Helfer Aufnahmestopps wie in Essen.

Burkhard Fuchs.  Es ist kurz vor 11 Uhr. Gleich beginnt die Lebensmittelausgabe der Quickborner Tafel, die sich hier Tisch nennt. Vor der „Werkstatt“ der Diakonie in der Kieler Straße 95 bildet sich bereits eine kleine Schlange – trotz des Dauerregens. Gedränge gebe es hier nicht, sagt Tisch-Leiterin Brigitte Schulz-Mosner, die von den ersten wartenden Kunden jeweils einen Euro kassiert. Dafür sorge ihr Nummern-System. Jeder der etwa 80 Bedürftigen, die hier allwöchentlich mit Obst, Gemüse, Käse und Wurst versorgt werden, zieht eine Nummer, die die Reihenfolge bestimmt. „So haben wir nie Trouble. Alles läuft ganz entspannt.“

Seit der Flüchtlingskrise hat sich die Klientel verändert

Genauso äußern sich auf Nachfrage auch die Vertreter der anderen Tafeln im Kreis Pinneberg. Verhältnisse wie in Essen, wo jüngst ein Aufnahmestopp für ausländische Tafelkunden verhängt wurde, gebe es hier nicht, beteuern sie. „Das kommt für uns nicht infrage. Bei uns herrscht eine ruhigere Atmosphäre bei der Lebensmittelausgabe“, sagt Brigitte Ehrich von der Pinneberger Tafel, die jede Woche 300 Bedürftige mit Lebensmitteln versorgt. „Wir nehmen jeden auf“, sagt auch Karin Kost von der Tafel in Wedel, die insgesamt 1,4 Tonnen Lebensmittel an wöchentlich 330 Menschen verteilt. „Bislang hat es immer für alle gereicht.“ Und Claudia Redmann von der Elmshorner Tafel, die jeden Tag 100 Abholer an zwei Ausgabestellen zählt, sagt: „Wir sind keine Vollversorger. Wenn es nicht reicht, reicht es nicht. Aber wir haben genügend für jeden.“

Seit der Flüchtlingskrise hat sich bei den Tafeln der Ausländeranteil stark erhöht. In Schenefeld liegt er bei etwa 50 Prozent, in Quickborn bei 60, in Pinneberg bei 70 und in Elmshorn nach Angaben der Tafeln bei 90 Prozent. „Die Migranten haben den Großteil unserer einheimischen Bedürftigen verdrängt“, sagt Ferdinand Nanz von der Tafel in Uetersen, der den Ausländeranteil dort mit 80 Prozent angibt. Dies sei „bedauernswert, da es ihnen ja nicht unbedingt besser gehen dürfte als vorher“.

Brigitte Ehrich von der Pinneberger Tafel hat dafür noch eine andere Erklärung: „Die älteren Menschen sind es gewohnt, für sich selbst zu sorgen. Die wollen nicht irgendwo betteln gehen.“

Mathias Schmitz von der Tafel in Schenefeld, die jede Woche etwa 20 Kilogramm Lebensmittel an jeden dritten ihrer 900 registrierten Kunden ausgebe, ist die momentane Situation „kein Flüchtlings-, sondern nur ein organisatorisches Problem“. So haben die Schenefelder, als sie sich vor sechs Jahren gründeten, sich bei den anderen Tafeln in Elmshorn, Wedel, Pinneberg und Uetersen vorher erkundigt, wie die vorgehen, um unnötiges Gedrängel unter den Bedürftigen zu vermeiden. Daraus hätten sie ihre Lehren gezogen, die nun für eine entspannte Atmosphäre ohne Unmut unter den zu versorgenden Leuten führe, erklärt Schmitz.

Kunden werden in kleinere Gruppen aufgeteilt

So sind dort alle registrierten Kunden in sechs Farben aufgeteilt, erläutert der Tafel-Vorsitzende. Dienstags kämen Gelb, Grau und Pink, donnerstags Orange, Blau und Grün dran. „So hat jeder Kunde seinen eigenen Ausgabetag, und es stehen nicht alle 900 gleichzeitig vor der Tür“, erklärt Schmitz. Zudem rotiere die Reihenfolge jede Woche, sodass jede Farbe mal am Anfang und am Ende drankomme. Zugleich würden die Lebensmittel gleich so aufgeteilt, dass auch die letzte Gruppe genügend von allem abbekomme und niemand benachteiligt werde. „Niemand muss bei uns das Gefühl haben, nur die Reste zu kriegen.“ Ähnlich funktioniert es in Wedel, wo die 500 registrierten Haushalte in elf Gruppen eingeteilt sind und nacheinander dran sind, so Karin Kost.

Auch die mehrere Hundert ehrenamtlichen Helfer der Kreis Pinneberger Tafeln tragen erheblich dazu bei, dass Gedränge und Pöbeleien meist sofort unterbunden werden. In Schenefeld mischen sie sich unter die draußen vor der Tür wartenden Menschen.

„Das ist unser großes Plus, dass wir immer draußen Personal haben, das beruhigen, deeskalieren und Fragen beantworten kann“, sagt Dörte Lippold von der Tafel in Elmshorn. Der dort angebotene Mittagstisch, den nach Claudia Redmanns Angaben täglich 80 überwiegend deutsche Rentner als „Stammkunden“ nutzten, trage ebenfalls zu einer entspannteren Atmosphäre bei. „Wir haben das von Anfang an durch unsere Struktur sehr gut in den Griff gekriegt.“

In Wedel werde auch akribisch auf Sauberkeit geachtet, betont Tafel-Chefin Karin Kost. Sie gehe nach jeder Ausgabe den Zufahrtsweg entlang und kontrolliere. „Am Mittwochabend ist es hier clean“, versichert sie. Da liege nichts herum. Alle Rückstände würden in den Biotonnen entsorgt sein, die noch dazu verschlossen sind, betont Kost. 2600 Euro an Müllgebühren koste dies die Wedeler Tafel allein im Jahr. Sie habe auch „immer ein offenes Ohr“ für die Nachbarn. Kost sagt: „Solange wir nach der Ausgabe immer noch so viel Brot übrig haben wie zurzeit, gehen uns die Lebensmittel bestimmt nicht aus.“

Ernst Kekel, der vor 15 Jahren aus Kasachstan nach Quickborn übergesiedelt ist, deckt sich und seine Familie gerade, wie jede Woche, mit Lebensmitteln vom Quickborner Tisch ein. Er sagt: „Das ist echt super hier.“